Abend- und Morgenrot

Foto: Andreas Möller

Erklärung

Morgenrot-Schlechtwetter droht; Abendrot-Gutwetterbot.

Dies ist eine der bekanntesten Bauernregeln. In den meisten Fällen stimmt die Regel auch. Zumindest dann, wenn man unter Abend- und Morgenrot die intensive Beleuchtung von Wolken durch die untergehende oder untergegangene Sonne versteht. In unseren Breiten wird das Wettergeschehen durch Westwinde bestimmt. Ein schönes Abendrot kann sich nur ergeben, wenn der Himmel im Westen klar ist und sich im Osten noch viele Wolken, z.B. von einem abziehenden Niederschlagsgebiet, befinden. Im Laufe der Nacht ziehen die Wolken dann weiter nach Osten ab und darauf folgt oft ein heiterer Tag. Am Morgen ist es genau umgekehrt. Dann steht die Sonne im Osten, wo der Himmel noch klar sein muss, aber von Westen zieht bereits Bewölkung auf. Im Laufe des Tages bedecken die Wolken dann den ganzen Himmel.

Die rote Farbe der Wolken beruht darauf, dass das Sonnenlicht an den verschiedenen Bestandteilen der Atmosphäre gestreut wird. Zum einen streuen die Luftmoleküle das blaue Licht stärker als rotes. Daraus ergibt sich die orange Farbe der Sonne beim Sonnenuntergang. Um ein intensives Himmelsrot hervorzurufen, müssen sich darüber hinaus aber viele Wassertröpfchen in der Atmosphäre befinden. Neben Wassertröpfchen können auch Staubteilchen (z.B. von einem Vulkanausbruch) zu farbigen Dämmerungserscheinungen beitragen.

Fotos

Morgenrot

Morgenrot aufgenommen in Kämpfelbach-Bilfingen (Foto: Michael Großmann)

Abendrot

Abendrot an der Sonne gegenüberliegenden Wolken, 23.10.2014 Berlin (Foto: Andreas Möller)

Geschichte

Schon in der Bibel werden Morgen- und Abendrot gedeutet: "Des Abends sprecht ihr: es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot. Und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute Ungewitter sein, denn der Himmel ist rot und trübe. Über des Himmels Aussehen könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?" (Matthäus XVI, Vers 2 und 3).

Ein leuchtend roter Abendhimmel wurde früher als Zeichen für Krieg angesehen, eine antike Interpretation, der beispielsweise auch Schiller folgte:

Am Himmel geschehen Zeichen und Wunder,
und aus den Wolken blutigrot
Hängt der Herrgott den Kriegsmantel runter.

Dagegen wurde Abendrot in der Antike nicht als Kriegsomen aufgefasst. In der germanischen Mythologie ist Abendrot ein in der Luft wirkender männlicher Riese, der den segnenden Lichtgeistern der Höhe feindlich gegenübersteht: Tag und Nacht kämpfen miteinander den Kampf, in dem Abendrot das Dunkel über den Himmel heraufführt und den Sonnenstrahlen des Weg zur Erde hemmt. Der Kampf endet mit dem Sieg der Nachtgeister.

Im Volksglauben gibt es auch noch wesentlich angenehmere Verknüpfungen mit den Himmelsfarben. So bedeutet Abend- oder Morgenrot das Backen von Weihnachtsgebäck durch die Gottesmutter Maria.

Interessant ist auch ein alter badischer Aberglaube, demzufolge man nach Morgenröte am Neujahrstag häufige Feuersbrünste erwartet. Die Verbindung von Feuer und rotem Himmel ist natürlich nicht abwegig.

Bauernregeln

  • Morgenrot am Neujahrstag, bringt Unwetter und große Plag.
  • Morgenrot auf niedrigen Wolken, dem wird schlechtes Wetter folgen.
  • Der Morgen grau, der Abend rot, ist ein guter Wetterbot'.
  • Gut Wetter kündet Abendrot, doch Morgenrot bringt Wind und Kot.
  • Morgenrot das füllt den Brunnen, Abendrot trocknet ihn aus.
  • Abendrot, Schönwetterbot' - Morgenrot, schlecht Wetter droht.

All diese Bauernregeln verkünden die auch heute noch gültige Wetterregel: Abendrot bringt schönes Wetter, weil die im Osten beleuchteten Wolken meist Reste eines abziehenden Niederschlagsgebietes sind. Morgenrot ist das Zeichen für ein nahendes Wolkenband aus dem Westen, und wird als Niederschlagsvorbote gedeutet. Kommt noch starker Dunst hinzu, setzt der Niederschlag oft schon in den Mittagsstunden ein.

Litteratur

Der Horizont hat sich verdunkelt,
Nur hie und da bedeutend funkelt
Ein roter ahnungsvoller Schein;
Schon blutig blinken die Gewehre,
Der Fels, der Wald, die Atmosphäre,
Der ganze Himmel misch sich ein

[J. W. v. Goethe, Faust 2; 4. Akt]